KLARTEXT mit Dr. Antonia Rados

Dr. Antonia Rados
Dr. Antonia Rados

Bankteilhaber: Sie sind Chefreporterin Ausland der Mediengruppe RTL und Nahost-Expertin. Wie sind die jüngsten Unruhen und starken Umwälzungen in der arabischen Welt zu erklären?

Dr. Antoina Rados: Die tiefen Ursachen dieses Umbruchs liegen in der Vergangenheit. Jahrzehntelang haben die meisten Diktatoren in der arabischen Welt zwar für Stabilität gesorgt, aber für eine brüchige Stabilität. In Ländern, wo zwei Drittel der Bevölkerung unter 30 sind, haben Massen von Jugendlichen keine Zukunft bekommen,- weder politisch noch wirtschaftlich. Wut hat sich über Jahre angesammelt.

Während Indien oder China von der Globalisierung profitieren, fallen die arabischen Staaten noch weiter zurück! Der Westen wurde insofern bei vielen Jugendlichen zum „ Feindbild“ als er mit den Diktatoren zu eng zusammenarbeitete.

Zahlreiche Herrscher sind 2011, im sogenannten „arabischen Frühling“ von ihrer jungen Bevölkerung abgestraft worden. Aber der Frühling war kurz. Die Jugend besitzt Handys, ist jedoch politisch unerfahren. Anarchie und radikaler Islam sind die Gewinner. Man sollte sich keine Illusionen hingegen, dass Jahrzehnte in wenigen Monaten ungeschehen gemacht werden können.

Im heutigen Nahen Osten herrscht das Gesetz des Stärkeren - und die Stärkeren sind alle, die nicht zögern, Waffen einzusetzen wie Islamisten.

Vergessen darf man jedoch auch nicht, dass lange vor dem arabischen Frühling die US- Invasion im Irak ein politisches Erdbeben in der ganzen Region auslöste. Saddam Hussein war ein starker Mann, aber der Irak war kein starker Staat. Als Saddam Hussein gestürzt wurde, blieb ein Land übrig, aber kein Staat.

Sogar die radikale ISIS ist eine Spätfolge dieser US- Invasion im Irak. ISIS wurde gegründet von ehemaligen Gefangenen der US-Armee.

US-Politik, Verarmung von Millionen, arabischer Frühling, Anwachsen von islamischen Bewegungen: „Wir sehen im Nahen Osten den „perfekten politischen Sturm!“

Bankteilhaber: Wer sind im Moment die wahren Machthaber? Auf wen sollte Europa künftig setzen?

Dr. Antonia Rados: Der Nahe Osten befindet sich in einer gefährlichen Übergangsphase: Entweder er reformiert und ändert sich, oder er versinkt im Chaos. Dieses Chaos ist im Moment die größte Gefahr auch für Europa. Warum? Radikale Ideen hat schon mal ein Jugendlicher. Aber ein Ausbildungslager zu finden, Gleichgesinnte zu kontaktieren, das ist nur möglich im heutigen Chaos Nahen Osten.

Der Terrorist braucht ein „ Hinterland“. Er findet es heute nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien, Jemen. Überall ist Untertauchen kein Problem.

Bankteilhaber: Welche Auswirkungen sehen Sie für Europa - und was sollte Europa tun, um diesen Konflikten zu begegnen?

Dr. Antonia Rados: Mit dem Terrorismus werden wir leben müssen. Es ist aber Terrorismus, und nicht Krieg wie einige glauben. Terrorismus ist gefährlich, aber kein unbesiegbarer Feind.

Dazu kommt aber die massive Flüchtlingswelle über das Mittelmeer. Das Verhältnis zwischen Europa und Naher Osten wird meiner Auffassung nach durch die Flüchtlingswelle mehr belastet werden als durch die Anschläge!


Bankteilhaber: Gibt es auch Anzeichen und Kräfte, die Hoffnung machen oder drohen noch weitere Staaten im Chaos zu versinken?

Dr. Antonia Rados: Meiner Auffassung nach soll der Westen nicht intervenieren, denn solche Interventionen sind kosten Leben und Milliarden – der Erfolg ist gering.

Islamische, heimische Mächte müssen die politische Verantwortung in der Region übernehmen: Die Türkei und der Iran – zwei wichtige Länder, die in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden.

Wir wissen, der türkische Präsident Erdogan ist zwar kein „lupenreiner“ Demokrat, aber die Türkei ist eine wirtschaftliche und historische Größe, die Einfluss hat, auch Dank des politisch- islamischen Erdogan. Viele seiner starken, oft schockierenden Sprüche haben damit zu tun: Er will die Jugend beeinflussen und sie auf seine Seite ziehen.

Der Iran hingegen ist eine alteingesessene „Reich“ in der Region – sein Wiedereintritt auf die internationale Bühne wird kaum zu vermeiden sein.

Das bisherige Kräfteverhältnis war beeinflusst vom Verhältnis der USA zu seinem Verbündeten Saudi-Arabien. Dies wird zunehmend schwierig. Saudi-Arabien hat mehr Probleme geschaffen als gelöst.