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... Anja Kohl

Anja Kohl
Anja Kohl

Was den Kreditnehmer freut, ist dem Sparer zunehmend ein Graus: Niedrigzinsen. Wie lange müssen wir uns weiter auf niedrige Zinsen einstellen?

Die Europäische Zentralbank wird Ende des Jahres erstmals formulieren, dass sie den allmählichen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik anstrebt, angetrieben von den Veränderungen in den USA, wo mit Präsident Trump steigende Zinsen wahrscheinlicher geworden sind. Die EZB wird sich von der Politik der US-Notenbank nicht komplett abkoppeln können. Zuvor wird es eine öffentliche, hart geführte Diskussion über den Ausstieg geben, angestoßen von Deutschland als größtem Kreditgeber innerhalb des Euroraums, denn hierzulande ist die Inflationsrate bereits deutlich höher ist als in anderen Euroländern. Zudem gibt es in Deutschland besonders viele Sparer, die auf Zinsprodukte setzen, deshalb unter den Nullzinsen leiden. Bis jedoch die Leitzinsen tatsächlich wieder steigen werden, wird es dauern. Erst mal wird die EZB sukzessive ihre Anleihekäufe herunterfahren. Von substantiell höheren Zinsen kann in den kommenden Jahren noch keine Rede sein.

Weitere Einblicke und Ausblicke von der ARD-Journalistin und Börsenexpertin Anja Kohl zu den Folgen der Niedrigzinsphase, den Herausforderungen für Europa, der Börsenentwicklung sowie zur richtigen Vermögensanlage lesen Sie unter www.vb-niers.de/klartext

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Was sind die wirtschaftlichen Folgen einer langanhaltenden Niedrigzinsphase?

In Deutschland hängen die Vorsorgesysteme besonders stark am Zins: Pensionskassen, Lebensversicherer, das  Gesundheitssystem, die öffentlich-rechtlichen Banken. Die Niedrigzinspolitik  der EZB gefährdet und erodiert das gesamte,  finanzielle Rückgrat. Es ist eine Politik auf Kosten der Zukunft, die relativ ignorant von der EZB mit dem Hinweis auf den Euroraum als Ganzes verfrühstückt wird. Das Paradoxe  ist: die Zentralbank macht angesichts fehlender politischer Reformen stets weiter mit ihrer Niedrigzinspolitik, dabei müsste sie über den Ausstieg den Druck auf die politischen Entscheidungsträger erhöhen. Die Null- und Negativzinspolitik hat so gut wie alle Anlageklassen unrentabel werden lassen. Aktien gehören zu den wenigen Verbliebenen,  die noch Renditechancen bieten. Sein Geld ohne Risiko zu vermehren, geht nicht mehr. Anleger fliehen in Sachwerte neben Aktien, Immobilien und Gold. Das ist tendenziell richtig, denn weltweit haben Niedrigzinsen zu einem Verschuldungsboom geführt. Die gute Konjunktur, ist nur die schöne Spitze des Eisbergs. Darunter lauert Gefahr. Die nächste Finanzkrise wird gravierender sein als die Letzte 2008/2009, deshalb sollte jeder sein Vermögen absichern.

Ein neuer amerikanischer Präsident, der bevorstehende Brexit, eine gelähmte EU und eine fortwährende Staatsschuldenkrise. Wieviel kann unser System noch aushalten oder die die Belastbarkeitsgrenze bereits überschritten?

Da wo Druck ausgeübt wird, entsteht Gegendruck. Dies ist gefährlich, doch es kann Dinge auch unerwartet voranbringen. Für Europa bedeutet dies, dass es sich auf seine eigenen Stärken konzentrieren muss. Die EU wird zwangsläufig einen Gegenentwurf zu den USA bilden, neue Partnerschaften mit China, Russland, Japan, den aufstrebenden Ländern Südamerikas und Afrikas gestalten müssen. Der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU ist ohne Frage bitter. Es ist der ultimative Weckruf, der die Reform- und Einigungskräfte aktivieren muss. Dies wird nicht ohne Plan und ohne harte Maßnahmen gelingen. Europa braucht vor allem eine Schuldenrestrukturierung, eine effektivere Bankenregulierung und eine Reform seiner Institutionen, die es politisch handlungsfähig macht. 

Die Stimmung ist vielerorts durch Angst und Unsicherheit geprägt. Warum ist die Börse dennoch weiterhin euphorisch?

Anleger wetten auf einen neuen US-Aufschwung, ausgelöst durch ein schuldenfinanziertes Milliarden-Investitionsprogramm des Staates plus Steuersenkungen. Dafür jedoch braucht Trump die Zustimmung des US-Kongresses. Zudem hofft die Wall Street auf eine Deregulierung des Finanzmarktes. Bislang hat Trump die Erwartungen nicht erfüllt. Stattdessen schärft seine Politik der Abschottung und der Strafzoll-Androhungen den Blick für die Risiken. Einerseits drohen Anleger von einem Anstieg der Inflation überrascht zu werden, den Trump mit seinen Maßnahmen auslösen könnte. Andererseits dürfte die US-Staatsverschuldung  enorm zulegen, was das Wachstum langfristig hemmen könnte, denn die Zinszahlungen des Staates werden in die Höhe schießen, sobald das Zinsniveau ansteigt.  Die „Trump-Wette“ an den Börsen verspricht große Gewinnchancen, doch die Risiken sind ebenfalls groß. 

Auch wenn es den heißen Börsentipp nicht gibt: Welche Empfehlungen geben Sie unseren Kunden mit auf den Weg, um ihr Vermögen in Zeiten von Niedrigzinsen zu mehren?

Tipps darf ich keine geben. Ich kann nur empfehlen, die eigene Vermögenssituation genau zu analysieren, sich am besten mit einem kompetenten Berater zu überlegen, woraufhin man sein Geld anlegen will,  welches Risiko man bereit ist, dafür zu tragen. Es empfiehlt sich ein langfristiger Vermögensaufbau. Zu den Zinsen muss man wissen, dass zwar die Leitzinsen noch länger niedrig bleiben werden, auf den Anleihemärkten jedoch bereits die Zinswende, ausgehend von den USA, eingeleitet ist. Die Anleihezinsen sind z.B. maßgeblich für Baukredite. Hier haben wir das absolute Zinstief wohl bereits gesehen. Bei Nullzinsen sollte der Anleger verstärkt auf die Gebühren von Finanzprodukten achten. Dividendenzahlungen spielen bei Aktien weiterhin eine große Rolle. Generell sollten Anlagen noch breiter gestreut werden. Die Schwankungen, die es an den Börsen auszuhalten gilt, sind groß. Dies wird so bleiben.